Jeder hat ihn. Den ganz persönlichen Roxette-Moment in der eigenen Biografie. Im Falle des Autors war es im Sommer 1991, in einem eher schmucklosen Pub am Rande von Oxford. Samstagabend, brechend volles Haus.
Am Poolbillardtisch entwickelte sich vor großem Publikum ein ausufernder Flirt mit einer jüngeren Dame aus Frankreich. Sie erwies sich als ausgezeichnete Spielerin. Vor dem entscheidenden letzten Ball zwängte sie sich durch die johlende Mange zur Juke Box und wählte den taufrischen Titel „Joyride“ von Roxette an: „She says: Hello You Fool I Love You…“ Für die Konzentration ihres Gegners am Pooltisch war dieser musikalische Schachzug natürlich Gift; für den Rest des Abends aber nicht.
20 Jahre später. Roxette haben inzwischen mehr als 75 Millionen Tonträger verkauft und sind zurück. Das Open-Air-Konzert am Kölner Tanzbrunnen ist ausverkauft. 10 000 Fans sind gekommen, um Marie Fredriksson (53) und Per Gessle (52) live zu erleben. Im Februar dieses Jahres erschien mit „Charm School“ das erste Studio-Album der Band seit „Room Service“ (2001); Marie wurde 2002 erfolgreich ein Hirntumor entfernt. Als Marie und Per mit ihrer Band auf die Bühne kommen, durchbrechen aus Westen heranflutende Sonnestrahlen die finsteren Regenwolken über Köln-Deutz, und solange die Schweden spielen und singen, wird sich kein einziger Regentropfen trauen, auf dem Tanzbrunnen-Gelände zu landen.
Der Roxette-Oldie „Dressed For Success“ (1988) ist das Eröffnungslied. Begleitet von Helena Josefsson (Backing Vocals), Pelle Alsing (Schlagzeug), Clarence Öfwerman (Keyboards), Magnus Börjeson (Bassgitarre) und Christoffer Lundquist (Gitarre), zelebrieren Roxette ihr schier unerschöpfliches Reservoir an Hits. „Sleeping In My Car“, „Dangerous“, „Joyride“, „The Look“, „How Do You Do“, und „Spending My Time“ schießen nach wie vor ins Blut.
Vom neuen Album überzeugt vor allem der sexy Ohrwurm „She´s Got Nothing On (But The Radio)“. Die Ballade „It must Have Been Love“ interpretiert Marie zurückgenommen und entspannter als in der Originalversion. Sie steht mit geschlossenen Augen vor dem Mikrofonstativ; ihre kurzen, platinblonden Haare zeigen keck nach oben.
Sie wirkt in ihrer schwarzen Ledermontur wie gestählt und zeitgleich sehr sensitiv - eine fragile Amazone. Ihre Stimme hat nichts an Glanz, Frische und Esprit verloren. Und Per hüpft mit seiner Gitarre jungenhaft umher. In den Zugaben: „Listen To Your Heart“, ein weiterer Klassiker, die Masse singt beseelt mit. So schön kann Pop sein.
Von Hagen Haas